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KUNST | KULTUR | SPRACHE | LITERATUR
HARTZ-IV-Geschichte
FRANZ
KAFKA:
EIN
HUNGERKÜNSTLER
INFO + TEXT + CD-TEXT
EAN
7383939832010
ISBN
738-3-939832-01-0
Bestellnummer
bei KUUUK 832010
Erschienen im Oktober 2006
Audio-CD
Sprecher: Klaus Jans
Studio: Heart Music, Westerwald
Bestellnummer:
832010 für die AUDIO-CD
"HUNGERKÜNSTLER"
PREIS 5,-
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die ISBN 10 war 3-939832-01-4,
seit Januar 2007 gilt ISBN 13:
978-3-939832-01-0
 
CD-Box transparent mit blauem Hebel
- Hebelfarbe blau, Maße: 143 x 125
x 8 mm
Diese praktische Box mit dem Hebel hat viele
Vorteile: die CD wird schwebend gelagert und kann ohne Berühren der
Schreibfläche einfach eingeschoben und mit dem Hebel wieder
herausgedrückt werden. Außerdem ist die CD-Box bruchsicher und
attraktiv.
Gesamtlänger circa 30 Minuten
TRACKS
Track 1 | 3:20 | Track 2 | 2:40 | Track 3 | 3:04 |Track 4 | 3:10 |
Track 5 | 3:14 | Track 6 | 2:55 | Track 7 | 2:47 |
Track 8 | 3:19 | Track 9 | 2:20 | Track 10 |
3:25 |
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Kafkas Geschichte vom Hungerkünstler kennt viele
Lesarten. Im Kern ist es der Mensch, der sich gegen die Gesetze der
Masse auflehnt und sie doch zugleich befolgt, befolgen muss. Am Ende
unterliegt das Individuum der rasanten Entwicklung der Zeit oder auch
dem sich stets ändernden Zeitgeist. Im Deutschland von Hartz-IV und
stetiger Betriebsschließung, in einer neuen Periode der Abwertung des
Menschen und Abwesenheit von Arbeit in vielerlei Hinsicht ... lässt
sich Kafkas Geschichte auch als Parabel für diese neue Entwicklung
lesen.
Im Deutschland des 21. Jahrhunderts gibt es eine
neue Unterschicht, die sich zu großen Teilen schon hoffnungslos dem
Zeitstrom ergibt. Es gibt für viele, gerade auch die Ungelernten, kaum
eine Perspektive. 6,5 Millionen Menschen gehören schon zu dieser
Unterschicht bzw. zum "abgehängten Prekariat", wie es die
Wissenschaftler der Friedrich-Ebert-Stiftung nannten. Damit sind
Menschen gemeint, deren Leben von unsicheren Arbeitsverhältnissen,
niedrigem Einkommen und sozialer Lethargie gekennzeichnet ist. Die
Geschichte "Ein Hungerkünstler" bietet vielfältigen Stoff, das
menschliche Scheitern neu auszuloten und aus der Betroffenensicht zu
erschließen.
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FRANZ KAFKA:
Ein Hungerkünstler
CD-TEXT
Track 1 | 3:20 Minuten
Franz
Kafka
Ein
Hungerkünstler
In
den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen
wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die
Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die
Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber
teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit
halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen
Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel
verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend,
angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm
streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz
in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den
für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des
Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen
und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die
Lippen zu feuchten.
Außer
den wechselnden Zuschauern
waren auch ständige, vom Publikum gewählte Wächter da,
merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche, immer drei
gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler zu
beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch
Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität,
eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten
wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter
keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das geringste nur
gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht
jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche
Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich in
eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspiel
vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine
Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen
geheimen Vorräten hervorholen konnte.
Track 2 | 2:40 Minuten
Nichts
war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten
ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er
es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel
lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit
der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern
ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der
Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar
nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern
konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im
übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen
Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit,
mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu
erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur, um sie
wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts
Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es
könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam und
ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück gebracht wurde, auf
das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll
durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück
eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das
ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der
Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen
sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.
Dieses
allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war;
Track 3 | 3:04 Minuten
nur
der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also
gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer
sein. Er war aber wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt;
vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche
zu ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen
Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus
Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein
Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die
leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man
glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigenfalls für bescheiden, meist aber
für reklamesüchtig oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern
allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand, und
der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte er
hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber
innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals,
nach keiner Hungerperiode - dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen -
hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern
hatte der Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er
niemals hungern, auch in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem
Grund. Vierzig Tage etwa konnte man erfahrungsgemäß durch allmählich
sich steigernde Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr
aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme
des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser
Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als
Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am
vierzigsten Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs
geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater,
eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die
nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon
wurden die Resultate dem Saale verkündet, und schließlich kamen zwei
junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden waren,
und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen
hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte
Krankenmahlzeit serviert war.
Track 4 | 3:10 Minuten
Und
in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar
legte er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit
ausgestreckten Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen
wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er
hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt
aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war?
Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur
der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja
wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis
ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine
Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab,
so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern,
warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh
und sollte sich nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das
ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren
Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und
er blickte empor in die Augen der scheinbar so freundlichen, in
Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf dem schwachen
Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der
Impresario kam, hob stumm - die Musik machte das Reden unmöglich - die
Arme über dem Hungerkünstler, so, als lade er den Himmel ein, sich sein
Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten
Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz
anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er
durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie
gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn - nicht ohne
ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler mit
den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte - den
inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der Hungerkünstler
alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er hingerollt und
halte sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt; die Beine
drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien aneinander,
scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den
wirklichen suchten sie erst;
Track 5 | 3:14 Minuten
und
die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer
der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem - so hatte sie sich
dieses Ehrenamt nicht vorgestellt - zuerst den Hals möglichst streckte,
um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu
bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere
Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd
die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich
herzutragen, unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen
ausbrach und von einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden
mußte. Dann kam das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler
während eines ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter
lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des
Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf
das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom
Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles
durch einen großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das
Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der
Hungerkünstler, immer nur er.
So
lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in
trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie
ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb
ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der
ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit
wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei
vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem
Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem
Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario
ein Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den
Hungerkünstler vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das
Hungern hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres
begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich
machen könne; kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu
erklärende Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch
viel länger hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten
Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser
Behauptung enthalten seien;
Track 6 | 2:55 Minuten
suchte
dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn
auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten
Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem
Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende
Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen
Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar!
Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen,
war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am
Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographen aber
ließ er das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und
das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.
Wenn
die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war
das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario
mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da
das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich
an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das
kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen
Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen
Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der
Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu
fanatisch ergeben.
Track 7 |
2:47 Minuten
So
verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um
seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar
nicht an.
Ein
großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja
in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe
seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten
flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er,
was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er
behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies
versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in
berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit
Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer
leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.
Im
Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die
Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu
sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast
unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort
haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in
dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem
Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige
Betrachtung unmöglich gemacht hätten.
Track 8 | 3:19 Minuten
Dieses
war auch der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen
Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte,
doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die
Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich
heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald - auch die
hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht
stand - davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer
wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von
der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm
herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen der
ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche - sie wurde
dem Hungerkünstler bald die peinlichere - ihn bequem ansehen wollte,
nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener
zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große
Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen
es nicht mehr verwehrt war, stehenzubleiben, solange sie nur Lust
hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um
rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu häufiger
Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit dem
Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was es
sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen,
aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und dann
die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben
her, zwar immer noch verständnislos blieben - was war ihnen Hungern? -,
aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen,
kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der
Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden,
wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten
wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn
die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht, das
Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er
ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch
ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Wege zu
den Ställen war.
Track 9 | 2:20 Minuten
Ein
kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes
Hindernis. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen
Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen,
und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte
so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte
ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die
Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht
begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und
unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu
ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten Hungertage,
das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, blieb
schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das
Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so
hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal
erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals
vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal
der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die Leistung schon war, und
sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger
stehenblieb, sich über die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel
sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche
Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn
nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt
betrog ihn um seinen Lohn.
Doch
vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
unbenutzt stehenlasse;
Track 10 | 3.25 Minuten
niemand
wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den
Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand
den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der
Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«,
flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter
hielt, verstand ihn. »Gewiß«, sagte der Aufseher und legte den Finger
an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal
anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr mein
Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«,
sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht
bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollten wir es denn nicht
bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der
Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst
du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das
Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade
in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich
nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie
gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich
vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch
in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze
Überzeugung, daß er weiterhungere.
»Nun macht aber Ordnung«, sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu
vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen
ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen;
irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam
mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer
nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich,
umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.
ENDE
Audio-CD, circa 22670 Zeichen inclusive der Leerzeichen.
Circa 30
Minuten Sprech- bzw. Lesezeit.
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